Was die OECD empfiehlt, was sich seit 2024 getan hat und warum gute Finanzbildung mehr ist als Wissen über Geld.
Im August fanden bei Kids Go Finance keine Bildungsprojekte statt. Deshalb gibt es dieses Mal keine Geschichten aus Klassenzimmern, keine Eindrücke von einem Stationenlauf und keine neuen Kinderfragen, über die wir berichten können.
Still war es bei uns trotzdem nicht. Wir haben die projektfreie Zeit genutzt, um Abläufe zu überprüfen, Prozesse zu verbessern und die kommenden Monate vorzubereiten.
Wir nutzen das für einen Blick über unsere eigene Arbeit hinaus:
Was tut sich eigentlich auf politischer Ebene beim Thema Finanzbildung?
Was ist aus der angekündigten nationalen Finanzbildungsstrategie geworden?
Und was bedeutet die aktuelle Entwicklung für unsere Arbeit mit Kindern?
Ein Strategievorschlag ist noch keine Strategie
Im September 2024 übergab die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz OECD, der damaligen Bundesregierung ihren Vorschlag für eine nationale Finanzbildungsstrategie.
Der Titel klingt zunächst so, als hätte Deutschland damit bereits eine Strategie. Tatsächlich handelt es sich aber um einen fachlich ausgearbeiteten Vorschlag, also eher um einen Bauplan als um ein fertiges Gebäude.
Die damalige Bundesregierung kündigte an, auf dieser Grundlage eine Finanzbildungsstrategie des Bundes zu entwickeln, dauerhaft zu koordinieren und zwischen den beteiligten Ministerien abzustimmen.
Auf den offiziellen Seiten des Bundesfinanzministeriums findet sich bis Ende August 2026 jedoch weiterhin vor allem der OECD-Vorschlag aus dem Jahr 2024. Eine verabschiedete deutsche Strategie mit einer zentralen Koordinierungsstelle, einem verbindlichen Aktionsplan und einem gemeinsamen Verfahren zur Wirkungsmessung ist dort bislang nicht veröffentlicht.
Dabei wäre genau das der Sinn einer nationalen Strategie: die vielen bereits bestehenden Angebote besser aufeinander abzustimmen, Qualitätskriterien zu entwickeln, Versorgungslücken zu erkennen und gemeinsam zu überprüfen, was tatsächlich wirkt.
Finanzkompetenz ist mehr als Finanzwissen
Die OECD verwendet bewusst den Begriff Finanzkompetenz. Denn zu wissen, was Zinsen, Inflation oder Aktien sind, reicht nicht automatisch aus, um gute finanzielle Entscheidungen zu treffen.
Finanzkompetenz umfasst nach der OECD:
Problembewusstsein
Wissen
Fähigkeiten
Einstellungen
tatsächliches Verhalten
Entscheidend ist also nicht nur, ob ein Mensch einen Begriff erklären kann. Entscheidend ist, ob er oder sie eine konkrete Situation einschätzen, Informationen überprüfen, Alternativen abwägen und eine begründete Entscheidung treffen kann.
Für Kinder zeigt sich das in scheinbar einfachen Alltagsfragen:
Brauche ich etwas wirklich, oder möchte ich es gerade haben, weil andere es besitzen?
Was passiert, wenn ich mein gesamtes Geld sofort ausgebe?
Ist das größte Angebot automatisch das beste?
Warum ist etwas im Internet vermeintlich kostenlos?
Und wer verfolgt eigentlich welches Interesse, wenn mir etwas empfohlen wird?
An diesen Fragen wird deutlich: Finanzbildung ist kein Vokabeltest. Sie handelt von Entscheidungen, Bedürfnissen, Einfluss, Regeln und Handlungsmöglichkeiten.
Der OECD-Vorschlag benennt fünf Bereiche, in denen Deutschland die Finanzkompetenz seiner Bevölkerung gezielt stärken sollte.
Menschen sollen besser verstehen können, warum langfristige Planung wichtig ist, wie der Zinseszinseffekt funktioniert und welche Möglichkeiten der Vorsorge existieren.
Hierzu gehören ein grundlegendes Verständnis von Kapitalanlagen sowie die Fähigkeit, Chancen, Kosten und Risiken realistisch einzuschätzen.
Menschen sollen Einnahmen und Ausgaben überblicken, Kreditbedingungen vergleichen und Risiken wie hohe Kosten, Zahlungsaufschübe oder Überschuldung erkennen können.
Digitale Zahlungen, Banking-Apps, Onlinehandel, soziale Medien und neue Betrugsformen verändern den Umgang mit Geld. Finanzbildung muss deshalb auch Datenschutz, Manipulation und Schutz vor Finanzbetrug behandeln.
Viele Menschen möchten mit ihren finanziellen Entscheidungen ökologische oder soziale Ziele unterstützen. Dafür müssen sie jedoch einschätzen können, was sich tatsächlich hinter Begriffen wie „nachhaltig“ oder „grün“ verbirgt.
Drei Zahlen, die nachdenklich machen
Der OECD-Bericht zeigt, dass Deutschland im internationalen Vergleich zwar nicht grundsätzlich schlecht abschneidet. Hinter den Durchschnittswerten verbergen sich jedoch erhebliche Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen.
Drei Zahlen bleiben besonders hängen:
Nur 52 Prozent der Erwachsenen im Erwerbsalter waren überzeugt, gut für das Alter vorzusorgen.
Fast 90 Prozent legten Geld zurück, aber weniger als ein Fünftel verfügte über Anlageprodukte.
Nur 44 Prozent fühlten sich sicher im Umgang mit digitalen Finanzdienstleistungen.
Gleichzeitig ist das Interesse junger Menschen groß. In einer von der OECD aufgegriffenen Jugendstudie wünschten sich 87 Prozent mehr schulische Bildung zum Umgang mit Geld, 81 Prozent zur Altersvorsorge und 73 Prozent zu Anlagemöglichkeiten.
Es fehlt also nicht unbedingt an Neugier. Häufig fehlen verlässliche, zugängliche und altersgerechte Gelegenheiten, sich mit finanziellen Fragen auseinanderzusetzen.
Viele Angebote, aber noch wenig gemeinsame Richtung
Deutschland startet beim Thema Finanzbildung nicht bei null. Behörden, Schulen, Hochschulen, Verbraucherorganisationen, gemeinnützige Träger, Bildungsinitiativen und Unternehmen bieten bereits zahlreiche Materialien und Veranstaltungen an.
Das Problem ist daher nicht nur die Menge der Angebote. Es geht auch um ihre Verteilung, Qualität und Wirkung.
Fast 100 der von der OECD untersuchten Finanzbildungsinitiativen arbeiten in Schulen. Die meisten richten sich allerdings an die Klassenstufen 5 bis 13. Jüngere Kinder werden deutlich seltener erreicht.
Hinzu kommt: Weniger als 70 Prozent der untersuchten Initiativen sahen überhaupt ein Monitoring vor. Nur etwa 40 Prozent arbeiteten mit konkreten Leistungsindikatoren. Strengere quantitative Wirkungsevaluationen waren die Ausnahme.
Das bedeutet nicht, dass die übrigen Angebote wirkungslos sind. Es bedeutet aber, dass wir häufig zu wenig darüber wissen, was Kinder, Jugendliche oder Erwachsene tatsächlich aus ihnen mitnehmen.
Deshalb empfiehlt die OECD unter anderem:
gemeinsame Kompetenz- und Qualitätsrahmen
eine stärkere wissenschaftliche Begleitung
kleine Pilotprojekte vor einer größeren Ausweitung
Fortbildungen für Lehrkräfte
ein zentrales Portal mit pädagogischen Materialien
eine bessere Koordination zwischen Bund, Ländern und Bildungsanbietern
eine systematischere Untersuchung der Finanzkompetenz von Kindern und Jugendlichen
Ein konkreter Vorschlag ist die Beteiligung der Bundesländer am nächsten PISA-Finanzkompetenztest im Jahr 2029.
Was hat sich seit 2024 getan?
Auch wenn eine verbindliche deutsche Gesamtstrategie bislang nicht erkennbar ist, hat sich in den vergangenen beiden Jahren einiges bewegt.
Mit „Mit Geld & Verstand“ gibt es inzwischen eine staatliche Plattform, die Informationen und Angebote für unterschiedliche Lebensphasen bündelt.
Seit 2025 werden außerdem Forschungsprojekte zur finanziellen Bildung gefördert. Auf Grundlage ihrer Ergebnisse sollen stärker evidenzbasierte und an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen ausgerichtete Lernangebote entstehen.
Besonders deutlich ist die Entwicklung auf europäischer Ebene. Im September 2025 verabschiedete die Europäische Kommission die erste Finanzbildungsstrategie der Europäischen Union.
Sie stützt sich auf vier Säulen:
bessere Koordination und Austausch guter Praxis
öffentliche Information und Sensibilisierung
Förderung von Forschung und Bildungsangeboten
regelmäßige Messung und Evaluation
Im Juli 2026 startete die EU zwei weitere Vorhaben. Erfolgreiche Finanzbildungsprojekte sollen gesammelt und hinsichtlich ihrer Reichweite, Wirtschaftlichkeit und Wirkung untersucht werden. Zusätzlich soll ein freiwilliger europäischer Verhaltenskodex für private und gemeinnützige Bildungsanbieter entstehen.
Dieser Kodex soll unter anderem transparente Ziele, sachlich korrekte und ausgewogene Inhalte sowie einen verantwortungsvollen Umgang mit Interessenkonflikten fördern. Seine Verabschiedung ist für Anfang 2027 vorgesehen.
Das ist ein wichtiger Schritt. Denn bei Finanzbildung geht es nicht nur darum, dass etwas angeboten wird. Ebenso wichtig ist, wer die Inhalte vermittelt, aus welchem Interesse dies geschieht und ob Bildung klar von Werbung, Vertrieb und Produktvermittlung getrennt bleibt.
Die Frühstartrente: Geldanlage trifft Bildungsauftrag
Eine besonders aktuelle Entwicklung ist die geplante Frühstartrente.
Am 12. August 2026 hat das Bundeskabinett den Gesetzentwurf zur Einführung der Frühstartrente beschlossen. Vorgesehen ist, dass der Staat für Kinder vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro in ein Altersvorsorgedepot einzahlt. Der Start ist für Januar 2027 geplant. Das parlamentarische Verfahren steht noch aus.
Das Vorhaben soll nicht nur den frühen Vermögensaufbau fördern, sondern ausdrücklich auch die Finanzkompetenz junger Menschen stärken.
Die Idee ist nachvollziehbar: Wer früh Erfahrungen mit langfristigem Sparen und Kapitalmarktanlagen sammelt, kann Zusammenhänge möglicherweise leichter verstehen.
Trotzdem gilt: Ein Depot allein ist noch keine Finanzbildung.
Kinder brauchen Gelegenheit, Fragen zu stellen und Entwicklungen einzuordnen. Sie müssen verstehen können, warum Werte schwanken, welche Risiken bestehen, wer an einem Produkt verdient und warum Menschen abhängig von ihrer Lebenslage zu unterschiedlichen Entscheidungen kommen.
Andernfalls besteht die Gefahr, Finanzbildung mit Kapitalmarktteilnahme gleichzusetzen.
Gute Finanzbildung unterstützt Menschen dabei, selbstständig zu entscheiden. Sie gibt die Entscheidung nicht vor.
Finanzbildung darf gesellschaftliche Fragen nicht ausblenden
Ein Punkt ist uns dabei besonders wichtig: Finanzielle Schwierigkeiten entstehen nicht automatisch durch fehlendes Wissen.
Einkommen, Vermögen, familiäre Erfahrungen, Bildungszugänge, gesellschaftliche Regeln, Konsumdruck, digitale Geschäftsmodelle und ungleiche Lebenschancen beeinflussen, welche Möglichkeiten ein Mensch tatsächlich hat.
Auch der beste Budgetplan kann ein dauerhaft zu niedriges Einkommen nicht ausgleichen. Finanzbildung verhindert keine Armut und ersetzt weder guten Verbraucherschutz noch faire politische Rahmenbedingungen.
Sie kann aber Orientierung geben. Sie kann Menschen dabei unterstützen, Einflüsse zu erkennen, Fragen zu stellen, Informationen kritisch zu prüfen und vorhandene Handlungsmöglichkeiten zu nutzen.
Die OECD versteht Finanzbildung deshalb selbst als einen Baustein unter mehreren, neben Verbraucherschutz, finanzieller Teilhabe und geeigneten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
Was bedeutet das für Kids Go Finance?
Der OECD-Vorschlag bestätigt viele Grundgedanken, an denen wir unsere Arbeit ausrichten.
Finanzbildung sollte früh beginnen. Sie sollte an der Lebenswelt der Kinder anknüpfen und finanzielle Fragen erfahrbar machen. Kinder brauchen Möglichkeiten, selbst zu handeln, zu entscheiden, zu verhandeln und anschließend darüber nachzudenken.
Inhalte müssen produkt-, anbieter- und vertriebsneutral vermittelt werden. Unterschiedliche Antworten und Lebenslagen dürfen nebeneinanderstehen. Und wir müssen uns regelmäßig fragen, ob unsere Angebote nicht nur gut gemeint, sondern auch gut gemacht und wirksam sind.
Gerade die projektfreie Zeit im August haben wir deshalb genutzt, um genauer auf unsere eigenen Abläufe zu schauen:
Wie gestalten wir unsere Projekte? Wie unterstützen wir unsere Ehrenamtlichen? Wen erreichen wir bereits – und wen noch nicht? Wie können wir Erfahrungen systematischer auswerten? Und woran erkennen wir, ob Kinder durch unsere Projekte tatsächlich sicherer im Fragen, Abwägen und Entscheiden werden?
Die nationale Finanzbildungsstrategie ist also kein abstraktes politisches Thema. Die Fragen, die sie aufwirft, betreffen unsere praktische Arbeit unmittelbar.
Deutschland verfügt über viele engagierte Akteurinnen und Akteure und eine große Vielfalt an Angeboten. Was noch fehlt, ist ein verbindlicher gemeinsamer Rahmen, der Qualität stärkt, Lücken sichtbar macht und Zusammenarbeit erleichtert.
Bis dieser Rahmen steht, bleibt es umso wichtiger, dass die bestehenden Initiativen ihre Verantwortung ernst nehmen.
Denn gute Finanzbildung beginnt mit Wissen. Wirklich wirksam wird sie dort, wo Kinder eigene Erfahrungen machen, Zusammenhänge erkennen, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und selbstbestimmt entscheiden können.